DVB-T - die digitale Märchenstunde

Seit Anfang dieser Woche nehmen auch wir Bayern, bundesweit ja als die perfekte Zukunfts-Symbiose aus Lederhose und Laptop :-) bekannt, an der digitalen Evolution der Menschheit teil - sprich wir werden auch mit der Errungenschaft des Digital Video Broadcast - Terrestrial (DVB-T) zwangsbeglückt.

Aber was lästere ich, sollten wir doch froh darüber sein, dass wir laut den Marketing-Sprüchen des ÜberallFernsehens nun “über 20 Fernsehprogramme und Zusatzdienste über die Antenne empfangen können - und das in bester Qualität”. Lassen wir mal den inhaltlichen Qualitätsaspekt - bei Sendungen wie Big Brother und Co. liegt mir ein Zitat von Harald Schmidt auf der Zunge - beiseite, beginnt genau hier die digitale Märchenstunde.

In Zusammenhang mit DVB-T von Qualität zu sprechen, ist nämlich schlichtweg ein Witz. Wer nur ein bisschen theoretisch rechnet, erkennt schnell, dass dem Bürger hier für teueres Geld (mit dem Kauf der DVB-T-Decoder ist es ja meist nicht getan, da oft auch Hausverteilanlagen aufgerüstet werden müssen) ein schlechteres Bild geliefert wird: So verfügt DVB-T zwar in der Theorie pro Bouquet über eine Bandreite von rund 14 Mbit/s, doch diese teilen sich in der Praxis meist vier Programme, was pro Videostream in der Theorie eine Transferrate von 3,5 Mbit/s ergibt. Reallife-Messungen kamen teilweise sogar nur auf 2,8 Mbit/s. Wer also bei DVB-T unscharfe Bilder und Pixel-Klötzchen sieht, muss nicht sofort den Augenarzt aufsuchen - das Bild ist so schlecht (daran können auch die vorgeschalteten Weichzeichner nichts ändern) und nennt sich digitaler Fortschritt.

Zum Vergleich: eine gut produzierte Video-DVD mit Dolby Digital 5.1 kommt im Durchschnitt auf Bandbreiten zwischen 4 und 9 Mbit/s. Und selbst um die Qualität des guten alten analogen PAL-Fernsehens zu erreichen, wären Transferraten von 3 bis 5 Mbit/s erforderlich.

Und was machen die TV-Sender daraus? Um beim Zuschauer nicht den ultimativen Augenkrebs auszulösen, rechnen sie das Bild auf perverse Zwischenformate wie 480 mal 576 Pixel oder 700 mal 548 Pixel herunter (Hallo, als digitaler Standard ist, an der DVD orientiert, 720 mal 576 definiert) und schalten Weichzeichner vor.

Das alles wäre ja noch zu akzeptieren, wenn das Versprechen des “ÜberallFernsehens” eingelöst würde. Doch in der Praxis haben Kollegen, die im optimalen Empfangsreich für eine Zimmerantenne wohnen, häufig keinen Empfang. Ganz davon zu schweigen, dass “ÜberallFernsehen” nicht automatisch auch unterwegs bedeutet, denn da solllen wir GEZ-Gebührenzahler ja künftig, dank DVB-H für den Fernsehempfang auf Smartphones oder anderen Handhelds ja nochmal zu Kasse gebeten werden und den Mobilfunkern ihre UMTS-Lizenzen bezahlen.

Als glücklicher Besitzer einer digitalen Satellitenanlage (mit Transferraten von 4 bis 6 Mbit/s, in Spitzenzeiten bis zu 8 Mbit/s) hätte ich eigentlich keinen Grund mich über DVB-T aufzuregen, würde dieser technologische Irrsinn und Rückschritt nicht durch meine Steuergelder öffentlich subventioniert. Wie kann man nur im Jahr 2004/2005 an der Schwelle zum HDTV-Zeitalter (High Definition Television) eine solch rückschrittliche Technik einführen und dabei mit MPEG-2 auch noch auf ein Uralt-Kompressionsverfahren setzen, statt mit Mpeg-4 aktuelle Codecs zu verwenden? Als ehrlicher GEZ-Gebührenzahler stellt man sich zudem die Frage, warum die DVB-T-Receiver nicht gleich einen Smartcard-Einschub besitzen und die Sendungen verschlüsselt ausgestrahlt werden? Jeder GEZ-Zahler bekommt die Smartcard dann automatisch. Und mit den eingesparten Kosten für die GEZ-Drückerkolonnen hätte man dann den DVB-T-Ausbau finanzieren können, statt Steuergelder zu verschwenden. Oder kommt die Smartcard erst, wenn DVB-T bundesweit eingeführt ist, damit die TV-Seher zweimal in Settop-Boxen investieren dürfen?

12 Reaktionen zu “DVB-T - die digitale Märchenstunde”

  1. Thomas Cloer

    Mit Deiner technischen und systemischen Kritik hast Du vollkommen Recht. Ich muss allerdings sagen, dass die Bild- und vor allem die Tonqualität von DVB-T — ich habe mir gestern einen Dekoder zugelegt — subjektiv um Längen besser sind als beim analogen Fernsehen, das ja schließlich damit abgelöst wird (den Vergleich zu einer gut produzierten DVD finde ich daher nicht ganz sauber).

    Ärgerlich für Gewohnheits-Zapper wie meinereinen ist allerdings, dass das Umschalten zwischen Programmen länger dauert als gewohnt. Auch wenn zum Beispiel der Panasonic-Dekoder, den ich beim Saturn für €79 erworben habe, hier offenbar ohnehin schon sehr schnell ist.

    Gut finde ich auf jeden Fall, dass über DVB-T viel anspruchsvolleres Programm (arte, Phoenix, eins plus, ZDF Doku) verbreitet wird, das Antennengucker bislang nicht empfangen konnten.

  2. Stephan Lamprechts Notizen

    DVB-T find ich gut

    Im Blog der Computerwoche findet sich heute ein Beitrag zum Start von DVB-T in Bayern. Hinsichtlich der grundlegenden systemtechnischen Kritik bin ich mit den Kollegen durchaus einer Meinung. Allerdings mit einer Einschränkung: Auch ich hatte zunäch…

  3. Jürgen Hill

    @ beide DVB-T-User: Freut mich, dass ihr mit der Bildqualität zufrieden seit. Dazu hätte ich aber eine Frage: Wie groß sind Eure Bildschirme/TVs, auf denen ihr schaut? Bis zu einer Diagonalen von 50 bis 60 cm mag ja DVB-T gehen. Interessant wird es aber bei den großen 16:9 Displays/TVs ab 32 Zoll oder Beamern, dann stören mich die Artefakte, vorgeschalteten Weichzeichner etc. gewaltig. Zudem rächt sich hier das absurde Pixel-Verhältnis.

    @ Thomas: Die Umschaltzeiten sind bei DVB systembedingt und auch bei digitalem Kabel oder SAT vorhanden - also ein grundsätzliches Problem und niccht DVB-T anzukreiden. Die Tonqualität von DVB-T lass ich mal unkommentiert, aber höre mal ne digitale Sat-Übertragung mit Dolby Digital 5.1. Und ob das bessere Bild im Vergleich zu Analog wirklich auf DVB-T zurückzuführen ist, mag mal dahingestellt sein. Häufig ist das schlechte Bild nämlich kein Problem des analogenTVs, sondern der schlecht gewarteten TV-Antennen-Anlagen: Vor zehn Jahren mal installiert, nie gewartet, eventuell die Antennenkabel zigmal im Mauerwerk angebohrt, die Isolierung schadhaft und die Antennen zeigt - durch zig Stürme verstellt - nur noch PI mal Daumen Richtung Sender.

    @ Stephan: Über die Qualität des analogen Kabel-TVs brauchen wir nicht diskutieren. Die fand ich ebenfalls mies, weshalb ich auf digitalen SAT umgestiegen bin. Und da sind wir halt an dem Punkt, der mich an DVB-T nervt: Für den fast gleichen finanziellen Aufwand bekomme ich mit digitalem SAT das technisch bessere, zukunftssichere System das zudem die größere Programmvielfalt bietet. Von digitalem Radio in CD-Qualität via SAT ganz zu schweigen.

  4. Thomas Cloer

    Tja — also mein Loewe-TV hat schon ein paar Jahr auf dem Buckel und 55 cm Diagonale. Was Größeres würd ich mir in meine Wohnung glaub ich auch nicht reinstellen wollen. Das Bild ist aber allemal besser als bei gleich großen TFT-Dingern, die dieser Tage gern verkauft werden. SAT Digital hätte ich auch lieber. Bloß wohne ich in einem ensemblegeschützten Haus ohne Balkon. Wo soll ich also die Schüssel lassen?

    Und was den DVB-T-Ton angeht: Für mich ist der schon mal ein Fortschritt. Mein TV ist nämlich (ähem) mono. 5.1 hab ich nicht und will ich auch vorerst nicht. Ich will nicht die ganze Bude voller Boxen und Kabel. Außerdem guck ich keine DVDs. Im Fernsehen und Kino gibt’s Filme genug für mich. Und anders als bei Musik will ich mir nicht denselben Streifen x-mal hintereinander anschauen.

    Sprich: Für einen (zumindest in Bezug auf TV) Lowtech-Mann wie mich ist DVB-T eine echte Verbesserung.

  5. Lucomo

    Was mir bei der Diskussion ums digitale TV immer zu kurz kommt, ist,dass auch die Tonqualität beim Umstieg von analog auf digital leidet - vorausgesetzt man hatte zuvor einen rauschfreien analogen Empfang (z.B. via analogem Kabel), denn bei jedem digitalen TV wird immer als Audio-Codec MPEG1-Layer II mit meist nicht mehr als 192kbps eingesetzt. Das ist schlechter als die MP3s, die man sich für den Hausgebrauch von seinen CDs herstellt, da der Layer II eben bei 192kbps schlechtere Qualität liefert als MP3 bei gleicher Bitrate. Und beides ist logischerweise nicht zu vergleichen mit AC3 ab 480kbps oder Dolby Digital 5.1 wie man sie auf DVDs findet oder eben vollem, unkomprimiertem LPCM wie beim analogen TV oder auf guten DVDs. Ein Konzert im TV im analogen Kabel mitzuschneiden machte Sinn. Das gleiche beim digitalen TV zu tun nur, wenn man das Ergebnis anschließend höchstens auf seinem IPod anhören will. Aber viele meinen ja: Oh, kein Rauschen, also sei die Tonqualität automatisch besser. :-(

  6. EGO.writer

    8 1/2 x DeVauBe-Tee

    Es stimmt tatsächlich! Dieses ÜberallFernsehen DVB-T ist wirklich überall. Ich habe aufgepasst: Mit Ausnahme von Rossmann und dem Obststand des Vertrauens hatte aber auch jede Klitsche einen grell-grünen Aufkleber “Infos zum ÜberallFernsehe…

  7. martin

    Kann mich den Äußerungen über die schlechte Qualität nur anschliessen; da war ein verrauschtes Analogbild auf jeden Fall ‘ehrlicher’. Digital und dann diese Sch… Qualität, das ist wie Klosterfrau mit unehelichen Kindern, Porsche mit 30 oder Chateau Tetrapaque. Mist!

  8. ebertus

    DVB-T und GEZ
    Zahle an meinem Hauptwohnsitz GEZ (z.Z.17,03/Monat)und halte auch nur da ein stationäres Empfangsgerät bereit. Bin viel unterwegs und habe mir privat für das Notebook einen DVB-T Receiver (Terratec) gekauft. Funktioniert einwandfrei wo Empfang ist, ggf. muß man in weniger guten Empfangslagen auf eine Antenne mit Verstärker zurückgreifen. Habe mal interessehalber bei der GEZ deswegen angefragt. Tenor: Irgendwie, für irgendwo, und für irgendwann (ggf. wenn “mehrwöchig”) wäre zusätzlich zu zahlen; und sonst nur Standardfloskeln. Was “mehrwöchig” ist, wurde nicht erklärt (für mich könnte das z.B. >= 2 Wochen bedeuten). Ich habe dann konkret nachgefragt: Wenn ich z.B. vom 01.08. bis 15.08. in meiner Zweitwohnung (mehrwöchig !?) bin und dann vom 16.08. bis 31.08. bei meiner Tochter (hat keinen Fernseher) also ebenfalls “mehrwöchig” , so müßte ich ggf. also 3x bezahlen d.h. 2x zusätzlch. Über tageweise Berechnung habe ich auf den Seiten der GEZ nichts gefunden. Da ich im September z.B. nur einige Tage in meiner Hauptwohnung und dann in den USA bin ist also nur 1x die Gebühr fällig; usw. Wie das mit dem permanenten an-, ab- und ummelden funktioniert wollte ich auch wissen.
    Habe seitdem (mehrwöchig) keine Antwort mehr bekommen. Wie wird das erst, wenn demnächst auch noch TV-Handys kommen; MP3-Sticks mit Radioteil gibt es ja schon.
    Und wenn ich den Fernseher in meiner Hauptwohnung auch abschaffe, da ich kaum “mehrwöchig” sondern eher nur tageweise dort bin, geht der Schuß für die GEZ sogar nach hinten los; oder ? Denn wenn ich “mehrwöchig” im Ausland oder in Gebieten ohne DVB-T Empfang bin, brauche bzw. will ich gar nicht mehr zahlen !
    Gruß
    Bernd Ebert

  9. Jürgen Fricke

    Jeden Tag rege ich mich über die deutlich schlechtere Bildqualität bei DVB-T empfang auf. Ich habe nun vor, die GEZ-zahlungen zu kürzen, da ich nicht bereit bin, das länger hinzunehmen. Hat jemand schon erfhrung in dieser Richtung gesammelt ?

    Gruß, Jürgen

  10. Steffi Schmischke

    Mit der GEZ ist nicht gut Kirschen essen. Die sollte man möglichst frühzeitig informieren und nicht erst warten bis es drei mal an der Tür schellt. Meine Meinung… Viele Dinge kann man schon im Vorfeld ummelden; auch weniger unangenehme Dinge wie die Meldung bei der GEZ, z. B. seinen Telefonanschluss oder die Post benachrichtigen (Nachsendeauftrag). Online-ummelden geht ganz gut auf http://www.ummelden.de. Grüsse aus München, Steffi

  11. Martin

    DVB-T und Qualität ? Das sind zwei Dinge, die sich beißen.
    Ich wohne ca. 20km vom Berliner Fernsehturm entfernt, Wenn ich aus dem Fenster schaue, kann ich ihn sehen. Außerdem wohne ich in einem Holzhaus, keinerlei Stahl oder sonstige Abschirmungen in den Wänden.
    Ich müßte DVB-T in 1A-Qualität empfangen können, stattdessen habe ich (trotz extra angeschaffter spezieller DVB-T-Antenne) neben den schon erwähnten Artefakten so häufig Aussetzer in Bild und Ton, teilweise Totalausfälle ganzer Sender, daß ich mir lieber ‘ne DVD reinziehe, als mit das Fernsehen anzutun.
    Ich sehne mich danch dem ollen Analog-TV zurück. Da gabs vielleicht mal ein Rauschen zwischendurch, aber ich konnte zumindest noch verstehen, was gesprochen wird.
    Das ist genauso wie das Problem mit den Schnurlostelefonen. Ein bißchen Rauschen, dafür Reichweiten bis zu 400m, das war analog. Jetzt mit DECT kann man mit Glück im Haus telefonieren, im Garten davor ist schon Essig.

    Aber es muß ja alles Digital werden, die Qualität und Haltbarkeit der Produkte geht dafür rasant bergab.

    Gruß,
    Martin

  12. Mainboardwechsel bei Vista - Seite 2 | hilpers

    […] das wirklich abgrundtief > schlechte Format DVB-T besser als DVD sein soll. Link hierzu: > http://blog.computerwoche.de/2005/06…marchenstunde/ Diesen Quatsch vom Juni 2005 (!) kann ich nicht ernst nehmen, ich sitze hier in Berlin, da ist der […]

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