Effektives Workshoppen

Eigentlich reagiere ich schnell aggressiv, wenn mir offensichtlich ausgeschlafene Workshop-Leiter ihre Methode als das Nonplusultra verkaufen und dann ihre zentrale Position auch noch nutzen, um jeden Widerspruch im Keim zu ersticken. Zu Beginn eines Workshop können sie wahrscheinlich nicht anders, um Autorität und Kompetenz für sich zu etablieren, aber mir stößt es jedes Mal sauer auf. Der frühe Beginn des Workshops verstärkte meine schlechte Laune zusätzlich.

Dabei hatte mich die pure Neugier hergetrieben. Ein Unternehmen hatte mich eingeladen, um gemeinsam mit externen Beobachtern, eigenen Führungskräften und den Hauptgesellschaftern über seine zukünftige Strategie zu diskutieren. Schon bei der Vorbereitung ging es extrem offen zu. Ich musste keine Vertraulichkeitserklärung abgeben und bekam trotzdem wichtige Unternehmenskennzahlen zu sehen, die andere Firmen nicht nur gegenüber Pressevertretern unter Verschluss halten.

Außerdem interessierte mich diese Methode: Syntegration; hatte ich noch nie gehört. Wie sich später herausstellt, geht sie auf den Engländer Stafford Beer, den Erfinder der Mangagement-Kybernetik zurück.

Nach dem ich mit ein paar Kaffees mein Morgenphlegma besiegt hatte und in der ersten Gruppensitzung des Tages saß – im Vokabular der Syntegration heißen die “Iteration” – wurde mir die Pfiffigkeit des Konzepts langsam klar. Schon die Art der Gruppenaufteilung war mir noch nie vorher begegnet. Jeder Workshopteilnehmer nimmt in zwei Gruppen als Teammitglied, in einer als Kritiker teil. Die in unserem Fall drei bis vier Kritiker sitzen in der zweiten Reihe und dürfen sich während der Gruppensitzung nur zwei Mal kurz zu Wort melden. Eine echte Übung in Selbstdisziplin und Demut, vor allem wenn in der Gruppe nach eigenem Empfinden Unsinn geredet wird oder sich irgendein Wichtigtuer in der endlosen Produktion von Worthülsen gefällt. Dennoch stellen die Kritiker ein wichtiges Kontrollinstrument dar, das die Gruppe sehr schnell wieder auf die Spur bringen, neue inhaltlich Impulse geben oder gruppendynamische Prozesse durchbrechen kann.

Jedes Gruppenthema durchläuft drei Iterationen und spätestens bei der zweiten, bemerke ich, wie schnell man mit dieser Methode zu Ergebnissen kommt. Anscheinend stimmt es doch, was der Moderator in seiner Einführung gesagt hat: Mit drei Iterationen könnten etwa 95 Prozent des Gruppenwissens zur Lösung einer gestellten Aufgabe abgeschöpft werden. “Wer´s glaubt wird selig”, habe ich da noch in meinem kaffeelosen Hirn geunkt. Jetzt, nach der Mittagspause des zweiten Seminartages denke ich ganz anders, bin regelrecht begeistert, wie schnell die Gruppen anfingen, konstruktiv zu arbeiten, und wie zügig die Ergebnisse der anderen Gruppendiskusskionen in die gerade laufende Arbeit einflossen. So entstand eine Vernetzung, die es bei der Mitarbeit in nur einer Gruppe nie gegeben hätte. “Selbstorganisation” nennt das der Workshopleiter, der mir jetzt gar nicht mehr nur ausgeschlafener, sondern sehr schlau vorkommt.

Welches Unternehmen mich eingeladen hat, darf ich verständlicherweise nicht schreiben, aber angesichts des Mutes, der Offenheit und des Engagements, mit der die Gesellschafter das Thema Strategiefindung angehen, kann man von der Firma noch einiges erwarten.

2 Reaktionen zu “Effektives Workshoppen”

  1. Siegfried Lautenbacher

    Syntegration … es ist schon unglaublich, wie menschliche Kommunikation funktionieren kann, wenn sie einigermassen vernünftig organisiert wird. Die guten Ergebnisse beruhen natürlich auch auf der Tatsache, dass wirklich gute Leute dabei waren. Und dass Offenheit eine Grundbedingung für menschliche Kommunikation darstellt. Wenn sich nur mal mehr dran halten würden!

  2. Fime News - Gruppenarbeit

    […] Link auf den Artikel Hinterlasse einen Kommentar • Trackback (0) […]

Einen Kommentar schreiben


Close
Powered by ShareThis