Linux wird Mainstream
Die Debatte um Linux oder Nicht-Linux, um Open-Source- oder Closed-Source-Software wird heute merklich cooler geführt als noch vor ein oder zwei Jahren. Ideologisch — quelloffene Software ist an sich gut, kommerzielle Programme an sich schlecht — argumentiert kaum noch jemand. Es geht in erster Linie darum, welche Software den Job zum niedrigsten Preis am besten erledigt. Beim Geld spielen aber nicht nur die Anschaffungskosten eine Rolle. Betriebsausgaben und Supportaufwände werden von den Verantwortlichen ebenso berücksichtigt. Wie gut sie vom Anbieter einer Linux-Distribution unterstützt werden, betrachten manche IT-Verantwortliche als noch wichtiger oder zumindest gleich wichtig wie die eigentliche Leistungsfähigkeit der Software.
Neben dem Wunsch nach schnellem und ausreichendem Support scheinen Anwender zunehmend auf fertige Lösungen zu reflektieren, die unter Linux laufen und/oder andere Open-Source-Elemente nutzen. Zumindest legen das die Ankündigungen der Hersteller zur diesjährigen Linuxworld nahe. So begnügt sich die IBM nicht mehr damit, die Weiterentwicklung von Linux und quelloffener Middleware zu unterstützen, sondern sie bietet jetzt zusammen mit Partnern spezifische Lösungen unter Linux für 17 Branchen an. Der Automobilindustrie offeriert Big Blue beispielsweise das Automotive Common Environment (ACE) als Infrastrukturpaket inklusive Applikations-Managament im On-Demand-Verfahren. Wenn diese Art der Vermarktung verfängt — Linux als Basis, darauf eine kommerzielle oder halbkommerzielle Lösung, die im On-Demand oder Hosting-Verfahren angeboten wird — , dann gibt es für etliche Open-Source-Anbieter, die vor allem mit Dienstleistungen rund um ihre Produkte Geld verdienen wollen, vielleicht doch noch ein funktionierendes Geschäftsmodell.
Ein Partner wie die IBM (oder ein anderer großer Anbieter) könnte den Anwendern, die heute noch vor dem Einsatz quelloffener Software zurückschrecken, die Angst vor fehlendem Support und einer chaotischen technischen Entwicklung nehmen. Außerdem würde ein solcher Lösungsansatz weniger Know-how-Aufwand für die Anwender bedeuten. Wenn sie heute einen bestimmten Software-Stack verlassen möchten, müssen sie sich das Wissen um einen anderen kommerziellen oder Open-Source-Stack erst aufbauen. Beim Paketansatz bräuchten sie das nicht mehr.
Am 23. August 2005 um 16:13 Uhr
Ich halte die Zuordnung proprietäre Software = kostenpflichtig, Freie Software = kostenlos nicht für zutreffend: Firmen wie die Hamburger Freiheit.com oder die Düsseldorfer OpenIT zum Beispiel verkaufen kommerzielle Freie Software - einschließlich Quellcode.
Und mehr als das: Sie werben damit, daß die Kunden jederzeit zur Wartung der Software zu einem anderen Systemhaus gehen könnten. Das teilweise bemerkenswerte jahrelange Wachstum dieser Unternehmen läßt den Schluß zu, daß es sich bei dieser Argumentation um rationale Betriebswirtschaft und keine Ideologie handelt. Die Kunden allerdings honorieren es, wenn der Dienstleister sie nicht in eine Zwangsjacke steckt.
Genauso die Diskussion um Softwarelizenzen: Die Kunden proprietärer Softwarehäuser fühlen sich häufig gegängelt - müssen sie doch erhebliche Kosten für die permanente Überarbeitung der Lizenzen mitbezahlen. Schliesslich werden dazu teure Juristen benötigt. Hinzu kommen die Kosten im eigenen Unternehmen für die Prüfung der Lizenzen und den Vergleich mit dem Ist-Zustand auf den Festplatten von Arbeitsplatzrechnern und Servern, der Anzahl der Anwender und der Prozessoren usw
Für den Bundesbeauftragten für den Datenschutz wiederum haben vor knapp drei Jahren wohl vor allem sicherheitstechnische Aspekte eine Rolle gespielt, als er sich entschieden hat, die Arbeitsplatzrechner seiner Mitarbeiter auf GNU/Linux zu portieren.
Recht haben Sie in der Tat mit dem Hinweis darauf, daß nicht nur die Anschaffungskosten beim Softwareeinkauf relevant sind: Große Bedeutung hat meines Erachtens auch, ob ich als Kunde frei entscheiden kann, ob ich die Folgeversion meiner Software haben will oder ob ich zur Aktualisierung gezwungen werden kann in dem mir die weitere Wartung der bisherigen Version verweigert wird.
Am 1. September 2005 um 10:24 Uhr
Ich glaube nicht, dass Linux die Kraft hat, Windows den Rang streitig zu machen. Linux ist nicht wirklich was anderes. Da muss schon eine Innovation her.
Olaf Wilde/Troisdorf
http://www.owtweb.de
Am 1. September 2005 um 11:27 Uhr
Innovativ ist die Idee der Freien Software schon in den sechzigern gewesen. Nur ist sie zwischenzeitlich etwas in Vergessenheit geraten und wird jetzt seit zwanzig Jahren wieder reanimiert. Die wahre Kraft der Freiheit wird sich allerdings erst jetzt im Zeitalter der kommenden Web Services zeigen: Mit Hilfe Freier Software haben die Entwickler die Möglichkeit, die Dienste an den Bedürfnissen Ihrer Kunden und nicht an den Lizenzbestimmungen der proprietären Entwicklungsumgebung auszurichten.
Was nun die Frage angeht, ob GNU/Linux die Kraft hat, Windows den Rang abzulaufen… Das halte ich für müßig. Tatsache ist, daß Herr Ballmer Freie Software für das “Krebsgeschwür” der Software der Branche hält. Er dokumentiert damit, wie hilflos der Konzern diesem Phänomen gegenübersteht: Er kann es nicht kaufen, er kann es kaum mit Kampfpreisen aus dem Markt drücken.
Er hat demnach allen Grund, Freier Software mit Respekt zu begegnen.
Mit dem Wachstum seines Linzenzumsatzes bei Betriebssystemen und Büroanwendungen jedenfalls ist schon einmal Schluß!