Big-Brother-Award: Manchmal trifft’s den Richtigen

Heute gilt es einen Mann zu ehren, der Außerordentliches für sein Vaterland geleistet hat.

Am 20. Juli 1932 wird er geboren. Auf die Welt gekommen in der Stadt, über die Grönemeyer singt “Du hast’n Pulsschlag aus Stahl. Man hört ihn laut in der Nacht.” So etwas prägt.

Dieser Mann betätigt sich politisch, bevor er 1963 eine Rechtsanwaltskanzlei eröffnet, im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS). Dessen Adepten waren nicht gerade Rechtsausleger des Staates. Hier lernt unser Mann Rudi Dutschke kennen und Horst Mahler. Er vertritt Mahler 1971 anwaltlich. Mahler konspiriert da mit den RAF-Terroristen Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhoff und Andreas Baader. Ende der 90er Jahre vollzieht der eine, Mahler, seine wundersame Wandlung Richtung strammer deutscher Nationalität und schwurbelt fortan von einem Deutschland, das “deutsch bleiben solle”.

Unser Mann tritt 1980 den Grünen, 1989 der SPD bei. Unter Bundeskanzler Gerhard Schröder 1998 die Erhebung zum Bundesinnenminister. Ein Jahr später bereits die richtungweisende Bemerkung, 97 Prozent aller Asylbewerber seien Wirtschaftsflüchtlinge.

Unter der Ägide des zu Ehrenden werden im Jahr 2001 die “Sicherheitspakete 1 und 2″ verabschiedet, rund 100 Gesetze zur flächendeckenden Überwachung der Bundesbürger auf öffentlichen Plätzen sowie via Telefon- und Kameraoberservierung, Internet-Beschnüffelung – das ganze Programm, wie Fachleute sagen. Unserem Mann verdankt Deutschland zudem den biometrischen Ausweis.

Jetzt hat er eine Ehrung für sein Lebenswerk bekommen: den “Big-Brother-Award 2005″. Hoch gelobt wird von der Jury, dass er das deutsche und europäische Überwachungssystem auf Kosten der Bürger- und Freiheitsrechte ausgebaut, zudem hartnäckig für die Aushöhlung des Datenschutzes gearbeitet und die undemokratische Einführung des biometrischen Reisepasses betrieben habe. So steht’s in der Laudatio. Danke, Otto Georg Schily.

Nebenbemerkung: Wer alte Fernseh-Talkrundensendungen sieht mit Wortbeiträgen des nun scheidenden Bundesinnenministers zur Rolle des Staates und diese vergleicht mit seinen Einsichten heute, der fragt sich schon, was für ein Phänomen da wirkt bei in die Jahre kommenden Männern. Ein Beispiel aus der Literatur wäre ja Martin Walser. Angesichts dieser beiden Stützen der Gesellschaft möchte man eigentlich nicht alt werden, jedenfalls nicht als Mann.

Eine Reaktion zu “Big-Brother-Award: Manchmal trifft’s den Richtigen”

  1. G. Köster

    Congratulation! Wer nichts zu verbergen hat, braucht sich nicht zu sorgen. Ottos Lebenslauf wirkt sehr rebellisch und zeigt uns doch, dass es Politiker gibt, die etwas für die Sache und weniger für ihr Ansehen tun. Seine Entscheidungen sind zwar manchmal fraglich in der Sache, aber konsequent in der Umsetzung.

    Wären doch so manche “Ja, aber-Sager” aus Bavaria gleichen Zuschnitts. Immerhin kann man(n) hoffen, dass Edmund und Co. heute bei Benedikt XVI ihre Erleuchtung bekommen. Die Hoffnung stirbt zuletzt, selbst wenn manche Politiker nicht von dieser Welt zu stammen scheinen…

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