2005 – Risse im Microsoft-Fundament

Wenn man in diesen Tagen die Zeitungen aufschlägt, wimmelt es von Bilanzen, Rückblicken, Ausblicken etc. Habe mal überlegt, was aus IT-Sicht das interessanteste und wichtigste Ereignis in diesem Jahr war. Natürlich sind mir Oracles Siebel-Kauf, HPs unehrenhafte Verabschiedung von Carly Fiorina, Siemens´ Probleme mit SBS, Suns strategischer Schlingerkurs und vieles mehr in Erinnerung geblieben. Am interessantesten fand ich aber unter dem Strich die Erkenntnis: Microsoft, viel beneideter und nicht überall beliebter Primus der Softwareszene, ist verletzbar geworden. Wenn man bedenkt, dass der Konzern ein – juristisch bestätigtes – Monopol besitzt und noch vor nicht allzu langer Zeit einen der größten Kartellprozesse der Wirtschaftsgeschichte am Hals hatte, ist das erstaunlich.
Bei Microsoft geht offenkundig die Angst um. Verursacher sind Google und die Open-Source-Welt – beide Phänomene haben Microsoft zu panischen Reaktionen getrieben. Die Palette reicht vom grundlegenden Umbau der gesamten Konzernstruktur über das eilige Einführen so genannter Service-Produkte (“Live”) bis hin zu einer wütenden Klage gegen einen Manager, der zu Google wechselte. Zeitgleich musste das Unternehmen erkennen, dass es mit der Weiterentwicklung des Kernprodukts Windows an seine Grenzen stößt. Die Entwicklungszyklen werden immer länger, die Komplexität des Systems ist kaum noch zu beherrschen und bei den Verantwortlichen macht sich Verzweiflung breit.
Grundsätzlich dürfte bei Microsoft 2005 die Erkenntnis gereift sein, dass die Geschäfte mit Softwarelizenzen nicht mehr in alle Ewigkeit tragen werden. Google wirft – gegenfinanziert durch die enormen Werbeeinnahmen – immer wieder neue Software und Tools zum Nulltarif auf den Markt und verdirbt damit für Microsoft die Preise. Gleichzeitig steht immer mehr hochwertige Infrastruktur-Software unter den diversen Open-Source-Lizenzen zur Verfügung – zuletzt der gesamte Software-Stack von Sun. Man darf gespannt sein, ob es Microsoft gelingen wird, mit der geplanten Produktoffensive rund um den jüngsten Windows-Spross “Vista” die Marktverhältnisse wieder “gerade zu rücken”. Vielleicht ist Microsoft mit seinem Geschäftsmodell aber auch, ähnlich wie IBM vor rund zwölf Jahren, in eine Sackgasse geraten…