Intra-ned
Tja, also ich kenn da eine Firma, da geht eigentlich keiner freiwillig ins Intranet. Soll heißen: Man loggt sich dort als Otto Normalmitarbeiter nur ins Intranet ein, wenn man einen Urlaub beantragt oder eine Reise abrechnet. Das Intranet ist auch eigentlich gar kein Intranet, sondern sagen wir mal ein “Browser-Aufsatz” für eine mit IBM Lotus Domino zusammengeschraubselte Workflow-Engine. Browser-Aufsatz stimmt auch nicht wirklich, weil das Ganze läuft nur mit dem Internet Explorer. Eigentlich wusste man schon “damals”, als das Ding in Auftrag gegeben wurde, dass der IE proprietär ist. Heute wäre es zu teuer, die ganzen Lotus-Templates händisch anfassen und anpassen zu lassen.
Tja, und nun hat man den Salat. So werden dann in dieser Firma Mails verschickt mit Fragen wie “Haben Sie heute schon einen Blick ins Intranet gewagt?” oder dem Hinweis, man könne jetzt im Intranet den neuesten Newsletter (sic!) des Betriebsrats nachlesen. Hinterlegt hinter einem schicken Notes-DocLink, mit dem keiner was anfangen kann, der die Mail gerade nicht in Notes aufmacht (und da gibt es einige, habe ich mir sagen lassen, obwohl die US-Mutter besagter Firma sich strategisch konzernweit für Notes entschieden hat).
In den vielen Notes-Datenbanken dieses Intranets sind auch ganz viele Informationen zur Firma versteckt. So gut, dass man sie oft nicht findet. Die Workflows funktionieren schon. Es fehlen aber jegliche Inhalte, die den Mitarbeitern Spaß machen würden und ein Grund wären, öfter mal vorbeizuschauen im Intranet. Eine kleine Arbeitsgruppe trifft sich unregelmäßig, um das zu ändern. Sie beschäftigt sich aber zumeist mit irgendwelchen Workflow-Nickeligkeiten, die noch nicht ganz richtig funktionieren. Alles umkrempeln geht sowieso nicht mehr, wäre viel zu umständlich und zu teuer.
So dümpelt es also vor sich hin, das Intranet, das so genannte. Kommt Ihnen das bekannt vor — oder gibt es in Ihrem Hause etwa ein Intranet, das lebt? Dann immer her mit den Best Practices!
Am 15. September 2006 um 09:41 Uhr
Hallo,
ich kann Ihre Erfahrungen durchaus bestätigen, weiß aber auch um wirklich positive Beispiele von Firmen die verstanden habem daß der Prozess im Vordergrund stehen soll und nicht die technische Umsetzung. Einige davon präsentieren wir auf dem abaXX Kompetenzforum, daß für alle interessierten Anwenderunternehmen und natürlich Journalisten kostenlos ist. Weitere Infos unter http://www.abaxx.de/kompetenzforum/
Am 15. September 2006 um 09:44 Uhr
Besten Dank. Aber Werbung für Herstellerveranstaltungen wollte ich eigentlich nicht als Antwort;-)
Am 15. September 2006 um 15:05 Uhr
Hallo,
Bei uns (HU Berlin) nutze ich das Intranet eigentlich nur, um nach Personen aus dem Unternehmen zu recherchieren oder im Wiki nach Lösungen für Probleme zu suchen.
Das eigentliche Problem der meisten Intranets ist doch der mangelnde/mangelhafte Content. Wir wäre es mit dem täglichen Firmen-Horoskop? Knapp 26% der Deutschen scheinen ja dran zu glauben. Auch der “Witz des Tages” (so blöd es klingt) kann ein paar Mitarbeiter regelmäßig ins Intranet ziehen.
Bei einer bekannten Beratungsfirma werden Mitarbeiter durch einen Bonus motiviert interessanten Content ins Intranet einzustellen und diese interessanten Meldungen zieht die anderen Mitarbeiter dann ins Intranet.
Am 15. September 2006 um 16:41 Uhr
Das Problem ist ja nicht wirklich neu, nur hat uns die Hypephase etwas den Blick vernebelt - lange Zeit hat kaum jemand danach gefragt wer ein Intranet wozu nutzt (nutzen soll). Fairerweis muss man sagen, dass das Intranet schon was ganz neuartiges ist, nämlich ein Zwitter zwischen Technik und Medium. Da haben sich dann die Techniker viel einfallen lassen, was ein solches Medium alles können soll, bloß korrelierte vieles davon nicht mit den tatsächlichen Kummunikationsgewohnheiten und -Bedürfnissen der Mitarbeiter (siehe Lotus).
Ich hatte von Anfang an so einen unterschwelligen Zweifel: Wie damals bei den tausenden von News-Sites, die keiner mehr lesen wollte krankt auch die Intranet-Idee daran, dass es sich dabei um ein Medium handelt, sich aber die wenigsten dessen bewusst sind. Und (erfolgreiche) Medien - also solche, die auch genutzt/konsumiert werden, wurden bekanntlich immer schon von Medienschaffenden gemacht. Folglich engagieren Firmen, die es ernst meinen, Journalisten und Reakteure, und die anderen werden es früher oder später wieder aufgeben. Eigentlich recht rosige aussichten für Journalisten, oder? :-)
Am 15. September 2006 um 16:52 Uhr
1. Gebe ich Ihnen/Dir recht. Sehe es ähnlich.
2. Die Formulierung “unterschwelligen Zweifel” finde ich richtig gut, werde ich in meinen Wortschatz aufnehmen.
Gruß,
Matthias
Am 17. September 2006 um 01:38 Uhr
Ein gut funktionierendes Intranet zum Nulltarif gibt es eigentlich nicht. Und wenn sich die Firma keine Dominoentwicklung leisten möchte (die heutzutage auch nicht mehr die Welt kosten sollte) um das Standard Murksdesign der IBM auf Vordermann zu bringen, dann würde ich die Plattform wechseln auch wenn das kostet. Wenn die Technik nicht passt ist, dann muß das Informationsbedürfnis schon exorbitant groß sein, daß ein Intranet trotzdem lebt.
Was Mitarbeiter gerne sehen sind bei Firmen mit Kantinen der Speiseplan, bei börsennotierten Firmen der Aktienkurs, eine Chefkolumne (muß nicht einmal gut sein, unfreiwillige Komik funktioniert auch).
Mit Notes relativ leicht zu realisieren sind MailIn Datenbanken für das Intranet. Dann erstellt man seine Inhalte einfach mit CC oder BCC.
Ein einfacher Agent, der die Mails verarbeitet und evtl. noch auf das CI trimmt stellt so eine schöne Übersicht mit Archivfunktion dar.
In größeren Firmen funktioniert auch ein schwarzes Brett, realisiert über Mail-In, ruhig auch mit einem privaten Suche & Verkaufe.
Betriebsratsinhalte sind auch ok, wenn es in der Firma mal kracht (sonst interssiert das eher weniger). Für die Schnäppchenjäger bietet sich auch eine Seite mit Vergünstigungen, Firmentarifen etc. an.
Ein Witz des Tages ist auch ok auch wenn man oft feststellt das es gar nicht so einfach ist gute intranet-taugliche Witze zu finden.
Ein Highlight in größeren Firmen war bisher immer ein Adressbuch mit Fotos, wobei hier wirklich oft die Fotos den Ausschlag gegeben haben.
Manche Firmen geben neuen Mitarbeitern auch einen schönen Einstiegsleitfaden gedruckt mit auf den Weg. Den ins Intranet zu stellen macht Sinn und ist auch besser zu aktualisieren.
Das mit den News ist so eine Sache. Leider posten die Abteilungen mit den langweiligsten Nachrichten oft die meisten News. Auf der Startseite würde ich daher eine Freigabeprozedur empfehlen.
Für Problematiken wie “Man findet nichts” gibt es technische Möglichkeiten aber ein gutes Intranet darf auch schlank sein. Ich würde den Focus eher auf Aktualität legen. Leider scheitern in vielen Firmen Intranet- bzw. Collaborationprojekte immer noch an der Tatsache, daß viele Mitarbeiter das in Wirklichkeit gar nicht wollen. Transparenz und Informationsbereitstellung hört sich schön an, aber Wissen zu bunkern und nicht preis zu geben ist ein praxisbewährtes Mittel.
Wer nicht genug eigene Inhalte hat der kann auch ruhig mal einen RSS Feed (o.ä.) von einer fremden Nachrichtenquelle integrieren. Vorgesetzte sehen das zwar oft nicht so gerne aber wenn es technisch möglich ist surfen Mitarbeiter sowieso im Web. So kann man wenigstens ein wenig Einfluß auf die Quellen nehmen und die Startseite ist aktuell.