In welcher Welt leben wir eigentlich?
Das fragte ich mich heute wieder einmal, als ich die “Süddeutsche Zeitung” las. Das sind die Überschriften einer einzigen Ausgabe einer deutschen Tageszeitung:
1. “Abhöraffäre erschüttert Italien” (=Titelgeschichte Seite 1)
2. “Ex-Chef von Infineon schwer belastet” (= 1. Seite Wirtschaftsteil)
3. “Verdacht gegen Hewlett-Packard-Chef Hurd” (= 2. Seite Wirtschaftsteil)
4. “Der Neue im Team der Verteidiger” (= 2.Seite Wirtschaftsteil)
5. “Ungarns Lüge und der Euro” (= 3. Seite Wirtschaftsteil)
6. “Die Punkt-Strategie: Steuerhinterziehung in Millionenhöhe. …” (= Medienseite)
7. “Einen Prosecco auf die Toskana” (= Aufmacher Sportteil)
zu 1: Tausende Bürger sind demnach von einem kriminellen Ring von Menschen, zu denen angeblich der frühere Sicherheitschef der Telecom Italia und weitere Mitarbeiter des italienischen Telekomm-Unternehmens gehörten, ausgehorcht worden.
zu 2:
Der Korruptionsverdacht gegen den ehemaligen Top-Manager des Chip-Herstellers Infineon hat sich angeblich erhärtet. Nach den Aussagen von Udo Schneider, der das Motorsponsoring von Infineon betreut hatte, soll der ehemalige Firmenchef Ulrich Schumacher mehrere hunderttausend Euro in bar erhalten haben, um so Schumachers rennsportleidenschaft zu finanzieren.
zu 3:
Jetzt soll auch Hewlett-Packard-Vorstandsvorsitzender Mark Hurd gewusst haben, dass von HP beauftragte Detektive eine falsche Identität vortäuschten, um an Telefondaten von HP-Mitarbeitern und von Reportern zu gelangen. Entsprechende belastende E-Mails, die den Umfang der Mitwisserschaft von Hurd aber noch nicht genau belegen, sind jetzt in der Untersuchung aufgetaucht.
zu 4:
Ex-Mannesmann-Chef Klaus Esser muss sich wegen seiner ihm vom Aufsichtsrat zugesprochenen absurd hohen Abfindung von 15 Millionen Euro für die Übernahme durch den britischen Konzern Vodafone im Jahr 2000 wieder rechtfertigen. Den Freispruch in erster Instanz vor dem Landgericht Düsseldorf hatte der Bundesgerichtshof im Oktober 2005 kassiert und eine Neuverhandlung angeordnet.
zu 5:
In Ungarn hatte der Ministerpräsident Ferenc Gyurcsany in einer vertraulichen Unterredung gesagt, seine Regierung habe das Volk jahrelang belogen. Seine Regierung habe nichts getan und es gebe auch nichts, auf das er bei dem bisher Geleisteten stolz sein könne. Dieses Gespräch wurde mitgeschnitten und ins Internet einem in die Millionen gehenden Publikum offeriert.
zu 6:
Der Medienunternehmer und Milliardär Haim Saban ist bei der US-Steuerbehörde Internal Revenue Service (IRS) wegen möglicher Steuerhinterziehung (mehrere hundert Millionen Dollar) ins Visier geraten.
zu 7:
Der Schweizer Cancellara ist Weltmeister im Zeitfahren geworden - und könnte der nächste prominente Doping-Beschuldigte sein.
Sieben Beispiele von Betrug, persönlicher Bereicherung, krimineller Delikte - begangen von Menschen, die in der Öffentlichkeit sehr sichtbar sind und die Vorbildfunktion haben. Viele davon aus der IT-Branche.
Wie bitte soll man Kindern eigentlich erklären, dass es ein Wert an sich ist, ehrlich zu sein, Anstand als erstrebenswertes Gut zu betrachten, Abzockerei nicht als cool zu erachten, Betrug als Betrug zu bezeichnen - wenn an einem einzigen Tag in einer Zeitung, die für Seriosität steht, über ein halbes Dutzend Fälle zitiert werden, deren Beispiel Kinder später eben nicht nacheifern sollten?
Brave new world - siehst du so aus?
Am 25. September 2006 um 15:36 Uhr
Heulsuse.
Am 26. September 2006 um 23:59 Uhr
:-)
und den habe ich dann auch noch:
der Aufsichtsrat von Siemens billigt seinem Top-Management eine Gehaltserhöhung von 30 Prozent. Der Wert der Aktie des Unternehmens hat seit Anfang Mai 2006 bis heute rund 25 Prozent verloren. da ist es angemessen, dass sich die oberste Führungsriege für so viel Erfolg schadlos hält.
Übrigens: wer heult, hat einen unscharfen Blick
Am 27. September 2006 um 00:02 Uhr
:-)
und den habe ich dann auch noch:
der Aufsichtsrat von Siemens billigt seinem Top-Management eine Gehaltserhöhung von 30 Prozent zu. Der Wert der Aktie des Unternehmens hat seit Anfang Mai 2006 bis heute rund 25 Prozent verloren. Da ist es angemessen, dass sich die oberste Führungsriege für so viel Erfolg schadlos hält.
Übrigens: wer heult, hat einen unscharfen Blick.
Ach ja: der neue japanische Ministerpräsident redet auch vom Sparen. Als erste Amtshandlung hat er sein eigenes Gehalt gekürzt - um 30 Prozent. Wie sich die Dinge doch gleichen! Oder ist mein Auge noch tränenblind?