Baustelle Siemens
Siemens ist eine Baustelle. Es wird gemauert, geschreinert und gemalert. Überall herrscht hektische Aktivität. Leider weiß keiner so genau, was da gebaut wird. Selbst der Bauleiter Klaus Kleinfeld hat offenbar nur eine ungefähre Vorstellung davon, wie das fertige Gebäude einmal aussehen soll. Bei seiner Vision von den Lösungen für die Megatrends Urbanisierung und demographischer Wandel fällt auf, dass sie sehr gut zu den meisten Geschäftsbereichen von Siemens passen. Allerdings ist dabei nicht mehr die Rede von Informationstechnik und von Kommunikation allenfalls am Rande.
Aber da Siemens sich von diesen Bereichen mehr oder weniger trennt, können sie in der Vision des Chefs natürlich keine tragende Rolle mehr spielen. Seltsam eigentlich, der Rest der Welt redet über Web 2.0, globale Kommunikation, von Rechner-zu-Rechner-Kommunikation und von Echtzeit-Unternehmen, die nicht zuletzt durch IT und moderne Kommunikationstechnik in die Lage versetzt werden, ihre Prozesse permanent an die Bedürfnisse ihrer Kunden anzupassen. Während Siemens auf Energie setzt, helfen will, sauberes Wasser zu liefern und mit der Medizintechnik einen Beitrag zur Weltgesundheit leisten will, steigt in praktisch allen Industriegütern der Beitrag der IT zur Wertschöpfung permanent an. Man denke nur an den Maschinenbau, Automobile aber auch an die Güter des täglichen Bedarfs Waschmaschinen, Trockner, Heizungsanlagen und so weiter. In Zukunft alles ohne Siemens?
Es scheint, dass Kleinfeld Siemens zum reinen Infrastrukturanbieter umbauen will. Dabei setzt er hauptsächlich auf die erfolgreichen Sparten Energie/Umwelt, Verkehr und Medizintechnik. Das bedeutet einen gewaltigen Umbau, der bereits im vollen Gange ist. Der Kommunikationsbereich ist bis auf einige Reste bereits verkauft, Siemens Business Services wird den anderen Konzernbereichen zugeschlagen und zunehmend durch eine Shared Service Organisation ersetzt, in der nicht nur die Siemens-IT, sondern auch Human Ressources und andere zentrale Prozesse angesiedelt sind. Bei diesem Umbau werden tausende von Mitarbeitern auf de Strecke bleiben, entlassen, outgesourct oder in den Ruhestand geschickt.
Obwohl das alles wie von langer Hand vorbereitet erscheint, werde ich den Verdacht nicht los, dass diese Strategie quasi posthum entwickelt wurde. Die Führungsriege von Siemens hat die Dinge nicht in diese Richtung vorangetrieben, sondern wurde von den Ereignissen im IT- und Kommunikationsmarkt überroll und rief etwas zur Strategie aus, was sie ohnehin nicht mehr verhindern konnte: den Ausstieg aus der IT und Kommunikation.
Ich bin gespannt, wie viel Durchhaltevermögen Kleinfeld an den Tag legt, wenn beispielsweise das boomende Geschäft mit der Medizintechnik anfängt zu kränkeln oder im Energiesektor die Gewinne wegbrechen. Muss dann eine neue Vision her, eine, die Schaltschränke für Elektroanlagen zum zentralen Bestandteil der Zukunft erklärt, nur weil da zu der Zeit Gewinne eingefahren werden? Wie viele Leute würde eine solche neuerliche Kehrtwende dann wieder den Job kosten?