Quo vadis, Web 3.0?

Wenn man bei Google “2.0″ eingibt, kriegt man einen Haufen lustiger Ergebnisse. Blitzkrieg 2.0, Stasi 2.0, PR 2.0, Enterprise 2.0, Radio 2.0, E-Learning 2.0, Bibliothek 2.0…
Man könnte sagen: 2.0 hat “Quo vadis” abgelöst (Quo vadis, Spiegel Online? Paris Hilton, quo vadis? Quo vadis, deutsches Verpackungsordnungsgesetz?) - obwohl: IBM hält wacker daran fest, aber das ist ein anderes Thema.

Leider lockt Web 2.0 inzwischen niemanden mehr hinter dem Ofen hervor. Aber! Rettung ist in Sicht: Gestern war ich auf der ersten Web-3.0-Veranstaltung! Ein Kamingespräch (!) auf der Internet World in München mit vielen interessanten Leuten (alles Autoren des “Leitfadens Online-Marketing”, der sich in den Verkaufs-Charts von Amazon sehr beachtlich schlägt). Allerdings traute sich keiner so richtig endgültig zu definieren, was Web 3.0 nun eigentlich bringen soll.
Immerhin gab es ein paar interessante Ansätze:
Nico Zorn, Artegic AG: “Im Web 3.0 werden die User selbst die Plattformen und Anwendungen entwickeln.” Laut Zorn werden künftige Web-Services und Open-APIs das Erstellen eigener Communities, Mash-ups, Social Networks und E-Commerce-Anwendungen nach dem Baukastenprinzip (Drag & Drop) ermöglichen. Erste Beispiele: Yahoo Pipes, Google Custom Search, Ning, CoRank, Amazon aStore und Microsoft Popfly.
Robin Schönbeck, Pangora GmbH: “1000 Tonnen Beton geben noch keinen Wolkenkratzer und Millionen Blogs noch keine echten Informationen.” Schönbeck glaubt, dass Web 3.0 die intelligente Verknüpfung der Inhalte bringt, die in der Web-2.0-Ära durch User-generated Content und Vernetzung aufgelaufen sind. Web 3.0 als neue technologische Entwicklungsstufe: Man bezieht Inhalte aus dem Netz, erfährt dabei auch etwas über die Urheber und lernt die Inhalte einzuschätzen.
Andreas Lutz, Xing: “Die nächste Welle werden Web-basierende Anwendungen wie etwa GoogleDocs. Software as a Service wird die Softwarebranche kräftig durcheinander wirbeln.”
Mario Fischer, Professor für Wirtschaftsinformatik an der FH Würzburg: “Mit Web 2.0 ist das Ende der Monologe eingeläutet. Wir haben einen Rückkanal für die User gefunden.” Für Fischer ist aber noch nicht einmal Web 1.5 überall angekommen, von Web 3.0 gar nicht zu reden. Das semantische Web, in dem Informationsobjekten eine semantische Bedeutung hinzugefügt wird, damit komplexe, “menschliche” Abfragen möglich werden, ist laut Fischer noch ganz weit weg.
Harry Kratel, Parship: “Sorry, aber ich kann noch kein Web 3.0 erkennen.” Ein neuer Entwicklungsschritt sei durch mobile Netze zu erwarten: Menschen sind always on und beziehen dort, wo sie sich gerade befinden, Location-based Services. I-Phone und Blackberry seien aber noch nicht die Geräte, mit denen diese Dienste genossen werden könnten.
(Beispiel: Ich schlender bei Tchibo vorbei und bekomme die Message aufs Handy, dass in der nächsten halben Stunde das Pfund Kaffee zum halben Preis zu haben ist.)

Was lernen wir also: “Man sollte immer so viel Geld verdienen, dass man es sich leisten kann, ohne Handy einkaufen zu gehen.”

4 Reaktionen zu “Quo vadis, Web 3.0?”

  1. Andreas Lutz

    Freue mich über die Berichterstattung über die Veranstaltung. Zu meiner Person eine Richtigstellung: Ich arbeite nicht für Xing, sondern betreibe die Website gruendungszuschuss.de und auf Xing ein großes Forum (”Netzwerk für Gründer und Selbständige”). Eingeladen war ich als Autor des “Praxisbuch Networking”.

    Ich weiß natürlich auch nicht, was nach 2.0 kommen wird, zumal ich keinen so großen Bruch wie zwischen 1.0 und 2.0 sehe . Wenn ich mich aber auf etwas festlegen muss, sehe ich am ehesten ASP-Lösungen wie GoogleDocs oder Salesforce.com. Auch im Bereich Branchensoftware, Groupware gibt es viele webbasierte Lösungen mit dem Potenzial unser Zusammenarbeiten (selbst im privaten Bereich) nachhaltig zu verändern.

    Andreas Lutz

  2. Mario Fischer

    Ich fand das schon auch irgendwie witzig. Es geht um Web 3.0 und eigentlich alle anwesenden Experten waren deutlich skeptisch. Und die Argumente waren durchaus eingängig. Sicherlich werden wir weitere -auch große- Innovationen im Web bekommen. In der Regel beobachten wir die aber über Anwendungen, weniger über Techniken. Hinterher stellen wir dann immer fest, dass es die oder jene Technik ja schon viel länger gegeben hat…. Natürlich dürfen wir unsere Visionen nicht aus dem Augen verlieren. Aber wer seine Visionen zu früh so “hart” kommuniziert, dem antwortet der typische Mittelständler: Wenn Sie ne Vision haben, gehen Sie am besten zum Arzt!

    Es war also eine gehörige Portion vernünftiger Skepsis gegenüber der Begriffshyperei vorhanden. Und das fand ich persönlich auch gut so. Damit lassen sich die fast naturgesetzmäßigen Ernüchterungen und Enttäuschungen bei den Unternehmen etwas abmildern. Wobei ich auch die Beratergilde verstehe. Irgendeine Sau muss man ja schließlich durchs (IT-)Dorf treiben. Warum statt ständig neuer Begriffe nicht einfach die Versionsnummern hochzählen.. ;-)

    Mario Fischer

  3. Heinrich Vaske

    Entschuldigung, Herr Lutz, da waren wohl einfach zu viele Experten auf dem Podium;-). Gründungszuschuss.de und nicht Xing. Ich stimme Ihnen zu, die vielen Web-basierenden Lösungen wie Google Docs und andere Web-basierende Tools sind die Zukunft. Ich hatte neulich eine Geschichte über die besten Web-2.0-Tools für die “Alltagsarbeit ins Netz gestellt und bin überrascht, wie gut die gelaufen ist.
    Was ich mich - als CW-Redakteur - allerdings frage: Wie werden die Unternehmen und die IT-Abteilungen damit fertig, wenn wichtige Informationen unkoordiniert auf irgendwelchen Servern im Netz schlummern? Ich könnte mir denken, dass die Web-Collaboration-Sau ganz schnell wieder im Stall ist, Herr Fischer…

  4. Mario Fischer

    Herr Vaske, das ist eine recht interessanter Gedanke, der viel weiter geht, als man beim ersten Lesen vermuten möchte:
    1) Unkontrollierte, dezentrale Datenhaltung ist sicherlich ein großes Problem
    2) Werden sich die Nutzer noch lange von den IT-Abteilungen “einsperren” lassen?
    3) Wie sehen die Ordnungsprinzipiel und Retrieval-Möglichkeiten der Zukunft aus?

    Über 1. brauchen wir glaube ich gar nicht diskutieren. Datenschutz, Sicherung, Zugriff… IT-Sicherheitsexperten stäuben sich da die Nackenhaare. Sicher größtenteils zu Recht.

    Über 2. muss man sich Sorgen machen. Wer kennt die Szenarien nicht, in denen die mittlere Führungsebene in Unternehmen durch allerlei intime Kontakte (zur IT), interne “Budgets” und sonstige Tricksereien die Vorschriften der IT umgehen? Neben dem Firmennotebook steht noch ein weiteres (nicht selten private) und über die Telefonanlage geht man ins Netz… Hab ich alles schon gesehen. Weil diese Menschen verblödet und sicherheitsignorant sind? Hmmm… Häufig hört man als Gründe für diese Art Selbsthilfe, dass die IT mit einem Wort zu wenig Dienstleister ist. Borniert, hört man auch manchmal. Da braucht ein Online-Manager den Firefox-Browser mit einigen wichtigen Plug-ins für seine Arbeit - aber die IT sagt NO. Selber installieren is nich. Kein Admin-Kennwort. Auf seinem Firmennotebook ist Windows NT, Internetexplorer 5.5. Wer wirklich was von Online-Marketing versteht wird mir zustimmen, dass man so nicht arbeiten kann. Was tut der Mann? Nutzt sein eigenes Notebook und eine UMTS-Firmenkarte, um ins Netz zu gelangen. Ins Firmennetz tunnelt er dann. Ist er blöde? Da kann man sicher streiten. Ich glaube nein.
    Was ich damit sagen will: Die Möglichkeiten gerade im Web wachsen so extrem, dass die langen “Innovationszyklen” einer zentralen IT immer weniger mithalten können. Wir wissen warum - weil sie chronisch unterbesetzt und unterbudgetiert sind. Ist ja schließlich ein Kostenfaktor… ;-)
    Die Mitarbeiter, die “mehr” Leistung und Freiheit brauchen, holen sich diese über andere Wege. Das enge Korsett wird immer enger. Und das kann zukünftig schon ein Problem geben…

    Zu Punkt 3 bin ich noch unschlüssig. In den Anfängen des Webs haben wir Webseiten (=abgelegte Informationen) über Katalogsysteme gefunden. Dann merkten wir, dass da immer weniger der potentiell verfügbaren Dokumente gefunden werden, weil die “Kategorisierer” (Redakeure der Kataloge) gar nicht mehr nachkamen, die Seitenexplosion nachzutragen und einzusortieren. Der Erfolgsgrundstein für Suchmaschinen war gelegt. Und heute? Wir durchsuchen 60 Mrd. Dokumente mit einem einzigen Suchschlitz. Den eigenen Rechner mit Desktop-Suchsoftware, die ebenfalls in einer Sekunde aus (bei mir z. B.) über 380.000 Dokumenten auf der Platte jedes Wort aus jedem (!) Dokument wiederfindet. Das Benutzen des Dateiexplorers und das saubere Ablegen in Verzeichnissen wird mir irgendwie spürbar immer lästiger. Mit anderen Worten: Wäre es nicht egal, wo (auf der Welt) etwas abgelegt ist, wenn ein Suchmechanismus das zuverlässig wieder findet?
    Gesetzt den Fall, man bekäme das Thema Sicherheit in den Griff
    Gesetzt den Fall, man kann sich auf Backupsicherheit verlassen
    Gesetzt den Fall, man bekäme die eigenen (Nicht-bei-mir-gespeichert?)Ängste in den Griff…

    So richtig kann ich mich mit 3. auch noch nicht anfreuden. Trotzdem macht es mich nachdenklich, weil wir Menschen typbedingt in der Regel an bestehenden Prinzipien hängen. Jahre später lachen wir dann darüber.

    Was hat sich Grundig vor lachen über MP3 ausgeschüttet. Schlechtere Qualität? Wo wir gerade erst digital mit “ohne Verluste” eingeführt haben? Sowas kann auch nur den Forschen aus dem Elfenbeinturm einfallen (Fraunhofer)

    Was haben sich Marketing-Experten über das Tchibo-Filialkonzept lustig gemacht. Keinen festen Warenbestand? Lachhaft, wer soll denn da zum Einkaufen kommen, wenn man nicht weiß, was es gibt.

    Und Billy Boy Gates? 1995? There´s no Money for us in Internet! Gut - da hat er Recht gehabt und für Microsoft mag das auch heute noch stimmen. Wenn er mit “us” wirklich nur MS gemeint hat ;-)

    Gunter Thielen? Vorstandschef Bertelsmann? “Das Internet wird sich durchsetzen - aber in erster Linie als Vertriebsweg. Es wird kein eigenes Geschäft begründen”. Neunzehnhundertirgendwas? Nein: 2004 war das. Kein Spaß.

    Die Plattenfirma Decca zu den Beatles? “Gitarrenmusik ist nicht angesagt, außerdem gefällt uns der Sound nicht”

    Nicola Tesla, Nobelpreisträger: “Atomenergie lässt sich weder militärisch, noch zivil nutzen”

    Lord Kelvin: “Diese Strahlen des Herrn Röntgen werden sich als Betrug herausstellen” oder auch “Maschinen, die schwerer als Luft sind, können niemals fliegen” (zum Glück hat sich Airbus und Boing nicht abhalten lassen)

    “Wer braucht eigentlich diese Silberscheibe?” Jan Timmer über die CD - Vorstand von Philips, 1982.

    Und mein Favorit kommt vom Chef des US Patentamtes, C. Duell: “Alles was erfunden werden kann, wurde bereits erfunden”. Das war 1899.

    Ein Quäntchen Wahrheit mag noch Pablo Picasso mit diesem Spruch hinterlassen haben: “Computer sind nutzlos. Sie können nur Antworten geben”.

    Wie auch immer. Die vielen Fehlschläge von Experten beim Interpretieren und Abwehren neuer Dinge sollte uns nachdenklich machen. Ich habe gelernt, dass sich Dinge durchsetzen, die die Menschen als nützlich empfinden. Gibt es große Widerstände, dauert es einfach “nur” länger. Dauerhaft Aufhalten lässt sich meist eh nichts. Was nützt es, wenn die IT das vielleicht zu Recht als Fluch, die Nutzer es aber als Segen empfinden? Wer sitzt langfristig (!) wohl am längeren Hebel?

    Zentrale IT Abteilungen tun meiner Ansicht nach gut daran, sich frühzeitig mit diesen Dingen zu beschäftigen UND (!!!) diese Dinge mit den Augen (NUTZEN!!!) der Be-Nutzer zu sehen. Fallstricke und Bähhh-Sachen indentifizieren - klar. Aber eben auch den Kundennutzen erkennen. Und ist letzterer da, versuchen die Bähhh´s und Probleme zu beseitigen, statt sie zu einer Argumente-Liste für eine Gegenposition zu sammeln. Hier lesende IT-Abteilungsmitarbeiter sind natürlich ausgenommen ;-)
    IT wird immer mehr zum geschäftskritischen Enabler. Geht zum Vorstand und holt Euch mehr Budget, um nicht zum Disabler zu verkommen. Ja, ja, ich weiß - aber es hat auch nie jemand gesagt, dass der Job einfach ist oder?

    Ich habe fertig.

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