Was heißt “langfristig”, Herr Carr?
Nicholas Carr ist ein Phänomen. Seit vier Jahren dreht und wendet er seine ursprünglich 2003 im “Harvard Business Review” veröffentlichte These “IT doesn`t matter” so, dass er offenbar gut davon leben kann. Sein neuestes Buch “The Big Switch” sagt erneut den Tod der IT-Abteilung in ihrer heutigen Form voraus. Dieses Mal trägt der Trend zum Utility- oder besser gesagt Cloud Computing die unternehmensinterne IT zu Grabe.
“Auf lange Sicht”, schreibt Carr, “ist das Überleben der IT-Abteilung zumindest in ihrer heutigen Form unwahrscheinlich.” Sie verliere ihre Arbeit, wenn sich der größte Teil des Business-Computing aus den privaten Rechenzentren hinaus und in die (Internet-)Wolke hinein verschiebe. Dann könnten Geschäftsbereiche und sogar einzelne Mitarbeiter die Informationsverarbeitung direkt kontrollieren. Die Heere von Technikern würden nicht mehr gebraucht. Schöne neue Computing-Welt.
Die These von Carr ist zwar provokant formuliert, aber originell ist sie nicht. Natürlich werden sich IT-Abteilungen langfristig verändern, und sie werden sicher auch andere Aufgaben wahrnehmen als heute. Das zeichnet sich bereits ab. Unter den meisten CIOs ist außerdem schon seit längerem unumstritten, dass zukünftige IT-Abteilungen dank Outsourcing und anderen IT-Service-Angeboten kleiner sein werden als heute. Um wie viel die internen IT-Bereiche zusammenschrumpfen, hängt ganz entscheidend von der Qualität der Dienstleister ab und von den Aufgaben, die sie verlässlich übernehmen können. Schon lange kümmern sich moderne IT-Organisationen um viel mehr als den IT-Betrieb. Der ist schon häufig zumindest teilweise ausgelagert. Carr hängt seiner Zeit hinterher, wenn er immer noch annimmt, dass der Betrieb der Hauptfokus der IT ist. Schon seit einigen Jahren geht es um Prozessdefinition und -mitgestaltung. Es geht um Business-Architekturen, flexible Unterstützung des Geschäfts, Kundenunterstützung, Business-Analyse und um clevere IT-Tools, die den Unternehmen zumindest zeitweise Vorteile gegenüber der Konkurrenz bringen.
Carr hat Recht, wenn er voraussagt, dass Commodity-Anwendungen künftig von spezialisierten Dienstleistern vorgehalten werden. Carrs Problem ist allerdings, dass er auch nach vier Jahren Beschäftigung mit dem Thema IT deren Komplexität nicht begriffen hat. Nicht alles ist Commodity, nicht jede Anwendung ist wie Strom am freien Markt zu beziehen. Dienstleister werden sich kaum mit individuellen Großanwendungen beschäftigen wollen, wenn diese nicht weiter verwertbar sind. Außerdem lässt sich nicht jedes Problem mit Standardsoftware beheben.
Weil Carr zu wenig differenziert, hilft er weder CIOs noch den CEOs, die er lediglich vor der Überausstattung mit IT warnt.
Selbst sein Vergleich mit den Energieversorgern hinkt. Er behauptet, Elektrizität lasse sich in großen zentralen Kraftwerken sehr viel effektiver herstellen und verteilen als in kleinen privaten. Das hat wahrscheinlich vor 50 Jahren noch gestimmt. Doch heute ist unter Energieexperten unumstritten, dass verbrauchsnahe, kleine Kraftwerke einen viel höheren Wirkungsgrad haben als die Kolosse, die die großen Energieversorger gebaut haben. Mit ihren Wirkungsgraden (eingesetzte Primärenergie im Verhältnis zum erzeugten Strom) von unter 40 Prozent sind sie weder umweltfreundlich noch effizient, sondern nur teuer.
Am 15. Januar 2008 um 19:48 Uhr
[…] Herr Carr vroaus das ich in diese Form meinen Job als bald verlieren werden. Ich stimme hier dem Computerwoche-Blog irgendwie zu, der Mann provoziert scheinbar doch ein bischen zu derb und hat vermutlich weniger […]
Am 16. Januar 2008 um 07:31 Uhr
Die Voraussagen von Herrn Carr sind wie immer untrhaltsam, doch ebenso wie in seinem Artikel “Why IT doesn’t matter” vor ein paar Jahren falsch. Sicher werden wir eine Professionalisierung der IT-Abteilungen in den Unternehmen erleben. Dies wird dafür sorgen, dass die dort erbrachten Leistungen qualitativ hochwertiger und mit mit weniger Personal erbracht werden. Letztlich werden wir aber das Aussterben der IT-Abteilungen NICHT erleben. Das liegt unter anderem daran, dass Carrs bereits vor fünf Jahren geäußerte Grundannahme, dass alle IT-Abteilungen weltweit doch im Grunde das gleiche tun und daher wegrationalisiert weerden können, falsch ist. Sicher gibt es in jedem Unternehmen Bereiche in der IT-Abteilung, bei denen es lediglich darum geht diese möglichst uniformiert und kostengünstig abzudecken, doch ebenso gibt es Bereiche, die hoch individuell sind und auch bleiben werden, da hier der Wettbewerbsvorteil des einzelnen Unternehmens in Form von individuellen Prozessen und deren Unterstützung manifestiert ist.
Bill Gates sagte einmal, dass zukünftig die Qualität unserer Informationsverarbeitung über unseren Erfolg entscheiden wird. Das impliziert gerade die Unterschiede in der Informationsverarbeitung der einzelnen Menschen und Unternehmen und das Streben nach ständiger Verbesserung. Dieses Streben nach ständiger Verbesserung impliziert entsprechende Unterschiede in der Informationsverarbeitung und die werden nicht durch den Einkauf standardisierter Dienstleistungen erreicht.
Insgesamt erinnert mich deine Argumentation an die 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts, als in ganzseitigen Zeitungsanzeigen damit geworben wurde, dass Unternehmen bald keine Programmierer und keine gekaufte Software mehr bräuchten, denn die Programme würden zukünftig schnell und “neben her” von den Sekretärinnen in COBOL entwickelt und gepflegt.
Am 16. Januar 2008 um 10:07 Uhr
Für die differenzierenden IT-Systeme stimmen die Ausführungen von Matthias sicher. Aber was ist mit den Commodities vom Office-Produkt über Laptops und PCs bis hin zu bestimmten Teilen von Standardsoftware? Kann man den Thesen von Herrn Carr folgen, oder argumentiert er auch da zu ungenau, weil er nicht genau definiert, was unter commodity zu verstehen ist?
Am 20. Januar 2008 um 23:24 Uhr
Wenn Herr Carr wüßte, wie Strom heute erzeugt wird und welche “Abfall”produkte dabei anfallen, würde er wahrscheinlich anders argumentieren.
Da Herr Carr nicht sagen will, wie auch nur Ansatzweise die Voraussetzungen (Datensicherheit, Zuverläßigkeit..) zu seinen Ideen erfüllt werden können, klingt alles wie ein schlechter science fiction Roman.
Muß man soetwas lesen?
Am 21. Januar 2008 um 09:25 Uhr
Auf die Frage, ob man so etwas lesen müsse, kann ich nur mit Ja! antworten. Obwohl Carr meiner Ansicht nach die falschen Schlüsse zieht, hat er mit “IT doesn´t matter” in der professionellen IT und darüber hinaus eine Debatte losgetreten, die sehr nützlich ist. Die IT hat sich durch ihn “Beweisnot” gesehen und häufig erfolgreich gezeigt, welche Werte sie für Unternehmen schaffen kann. Die Busines-Seite steht Carr´s Aussagen zwar positiver gegenüber und der ein oder andere Manager hat mit ihnen die Outsourcing-Entscheidungen seines Unternehmens begründet. Aber auch die Business-Seite hat sich aufgrund von Carr´s Thesen zumindest eine Zeit lang, intensiver mit den Beiträgen der IT zum Geschäftserfolg auseinandergesetzt. Das ist der IT nicht schlecht bekommen.
Am 21. Januar 2008 um 11:02 Uhr
Das sehe ich ähnlich. Carrs Voraussagen werden mih hoher Wahrscheinlichkeit nicht eintreffen, doch er sorgt mit seinen polarisierenden Thesen dafür, dass das Grundverständnis der IT in positiver Weise hinterfragt wird. Dies führt zu einer weiteren Professionalisierung der IT in den Unternehmen, die dringend notwendig ist.
Am 17. Juni 2008 um 13:41 Uhr
Jeder kann vorhersagen was er will. Ist dieser Mensch denn so wichtig das man seinen Thesen glauben sollte. Bevor man dies nicht weiss braucht man seine Werke auch nicht zu lesen.