Mit Yahoo kauft Microsoft Zeit
“Die Zeit der großen Übernahmeschlachten hat also begonnen”, kommentierte ein Hightech-Investor die Nachricht von Microsofts Übernahme-Angebot an Yahoo in Höhe von knapp 45 Milliarden Dollar. In der Tat scheint die Konsolidierung auch im Online-Business die nächste Stufe erreicht zu haben. 45 Milliarden Dollar, das ist mit Sicherheit die größte Übernahme, die Microsoft je getätigt hat, und wahrscheinlich einer der größten Deals in der Geschichte der IT-Branche. Der Kurs von Yahoo schnellte am Freitag steil in die Höhe. Das könnte den Aktionären, die im letzten Jahr mit kräftigen Verlusten der Yahoo-Papiere leben mussten, Appetit auf noch mehr machen. Sie könnten gewillt sein, auf noch höhere Angebote zu warten. Interessenten werden plötzlich wie Karnickel aus dem Hut der Analysten gezaubert: AT&T, Amazon, Verizon, Time Warner/AOL oder Comcast werden als mögliche Aufkäufer genannt. Auch Google ließ inzwischen von seiner Hilfsbereitschaft wissen.Wie ernst deren Absichten sind, lässt sich derzeit nicht wirklich abschätzen. Allerdings drängt sich der Verdacht auf, dass die Namen von interessierter Seite ins Spiel gebracht werden, um das Rennen spannender zu machen und den Preis für Microsoft in die Höhe zu treiben.
Das Übernahmeangebot macht deutlich, wie ernst Microsoft den Kampf um die Suche und damit die Online-Werbeeinnahmen nimmt. Das Unternehmen kämpft mit allen Mitteln, um Google zumindest einigermaßen in Schach zu halten.
Aus eigener Innovationskraft – so weit ist die Einsicht anscheinend gediehen – ist das offenbar nicht zu schaffen. Google macht seit mehreren Jahren vor, dass es dem Unternehmen nicht nur gelingt, seine Suchalgorithmen auf der Höhe der Zeit zu halten und zu den dargestellten Ergebnissen absolut passgenau Werbung einzublenden. Es bringt auch eine Online-Applikation nach der anderen auf den Markt. Alle kostenlos. Die immensen Einnahmen aus dem Werbegeschäft machen das möglich. Alle sind Betaversionen, aber sie funktionieren und lassen sich weiter entwickeln. Außerdem ermuntert Google Entwickler, über offene Schnittstellen Erweiterungen und Mashups zu seinen Programmen zu entwickeln.
Auch die Integration neuer Funktionen in das Betriebssystem oder zumindest eine sehr enge Verbindung zwischen OS und Applikation, die den Netscape-Browser und den Real Player ausbremsten, hilft Microsoft heute gegen den Internet-Konkurrenten Nummer eins nicht mehr weiter. Dem ist egal, auf welchem Betriebssystem seine Applikationen laufen. Google ist die Antithese zu Microsofts Geschäftsmodell. Das weiß Microsoft. Trotzdem muss Microsoft Googles Spiel mitspielen, ohne das eigene Geschäftsmodell – Umsatz durch den Verkauf von Software, die auf Rechnern installiert ist – aufzugeben. Wie schwer das ist, sieht man an dem Eiertanz, den die Gates-Company um das Thema Software as a Service aufführt. Sie versucht mit Software und Service einen Sonderweg, der angesichts der zügigen Weiterentwicklung der Bandbreiten und damit des Phänomens Cloud-Computing nicht erfolgreich sein dürfte.
Zusammen mit Yahoo wird Microsoft im Verhältnis 40 zu 60 zweitgrößter Spieler im Online-Werbemarkt und kann so verhindern, dass Google weiter Monopolgewinne abschöpft, mit dem das Unternehmen noch mehr Anti-Microsoft-Torpedos im Applikationsgeschäft starten könnte. Als Nummer zwei in diesem Markt kann die neue Einheit zu steile Umsatzzuwächse von Google verhindern. Aber es ist schwer vorstellbar, dass die Microsoft-Strategen glauben, mit der Yahoo-Übernahme eine Chance auf die Marktführerschaft errungen zu haben. Was sie für die 45 Milliarden Dollar kaufen, ist Zeit, ihr Geschäftsmodell komplett auf das Online-Zeitalter umzustellen. Und da gibt es grundsätzlich zwei Varianten. Die eine ist die Finanzierung durch Werbung, die andere Chance besteht darin, mit Software endlich das zu erreichen, was mit Informationen im Internet nie funktioniert hat: Nutzer müssen für den Gebrauch zahlen. Für beide Modelle scheint Google zurzeit besser gerüstet.
Am 5. Februar 2008 um 19:05 Uhr
in keinem einzigen Bericht lese ich, dass sich der Gates-Konzern evtl. mit diesem Kraftakt sehr stark verheben kann.
Vor allem wenn -so wie es jetzt den Anschein hat- die Mitbewerber den Preis tatsächlich nach oben treiben. Sagen wir der Kaufpreis liegt bei 70 Mrd. Dollar, das zahlt Microsoft nicht aus der Portokasse und das Softwarekaufgeschäft schrumpft.
Es gab schon einige Beispiele bei denen ehemalige Weltkonzerne in gleichen Situationen das letzte Kapitel der Firmengeschichte schrieben.
Am 6. Februar 2008 um 09:06 Uhr
Auch wenn der Kaufpreis nicht mehr signifikant ansteigen sollte, ist die Yahoo-Übernahme für Microsoft eine große Wette. Um erfolgreich zu werden, müsste die dann kombinierte Reichweite schnell in Umsätze umgemünzt werden. Außerdem müssen die eine Milliarde Dollar an Einsparungen schnell gehoben werden, die Steve Ballmer in Aussicht gestellt hat. Das sind zwei veritable Herausforderungen, denen sich nur sehr schwer begegnen lässt.
Am 9. Februar 2008 um 13:35 Uhr
>[…]Zusammen mit Yahoo wird Microsoft im Verhältnis 40 zu 60 zweitgrößter Spieler im Online-Werbemarkt und kann so verhindern, dass Google weiter Monopolgewinne abschöpft,[…]
Ich bin nicht sicher, ob Google tatsächlich “Monopolgewinne” abschöpft. Die ganze Diskussion um Googles “Monopol” vernächlässigt meiner Meinung nach, dass Google selbst gar keine Preise macht, ergo auch keine “First”-Renten abschöpfen kann. Die Preise werden ausschließlich durch die Gebote der Werbetreibenden selber (und einem Qualitäts- bzw. Relevanzfaktor) bestimmt. Google könnte also weder mit dem Preis rauf, noch runter gehen. Google schöpft also nicht ab, die Unternehmen überbieten sich um die Plätze. Das ist heute so -trotz Yahoo und MSN- und warum soll das in Zukunft anders sein? Werden mehr Menschen bei Yahoo suchen, nur weil MSN sie geschluckt hat? Das Gegenteil könnte der Fall sein, den MS ist ja nicht gerade ein geliebter Player im Markt. Solange dominant bei Google gesucht wird, werden die Umsätze dort eher steigen (die Unternehmen erhöhen ständig die Gebote).
Was ich ausdrücken will: Microhoo hätte zwar auf einen Schlag einen großen Fuß im Ad-Display Markt. Aber ist nicht gerade diese eher dumpfe Werbeform langfristig zum Aussterben verdammt? Was nützt mir ein Display für Windeln, wenn ich gar keine Kinder habe? Viele Werbetreibende haben nur (noch) nicht verstanden, dass die Werbe-Schrot(t?)-Flinte, die man aus dem Offline-Leben als funktionierend gelernt hat, online eigentlich eher suboptimal läuft. Wendet sich der Blick langsam weg von “Wer hat die meisten Klicks oder Visits” hin zu Relevanz und 1:1 Marketing… Dann hatt MS und die dann vielleicht angegliederte Suchmaschine Yahoo keinen Cent ihrer aktuellen Probleme gelöst.
In der aktuellen CW steht: Zwei Verlierer machen zusammen noch keinen Gewinner.
Insofern bleibt spannend, was MS mit Y zusammen grundlegend anders machen würde.
Wie man dem schnell reagierenden Google-Konzern nennenswert was wegnehmen möchte, was die Unternehmen ihm mit Nachdruck hinterhertragen, kann ich noch nicht erkennen. Vielleicht fehlt mir aber auch die Phantasie…
Aber da Steve Ballmer Google aus tiefster Seele hasst, wird ihm sicher was einfallen. Hass war ja im Business schon immer ein guter Ratgeber ;-))
Am 18. Februar 2008 um 08:40 Uhr
Also Microsoft hat derzeit sicher einen sehr schwierigen Stand, die Werbeumsätze im Internet hat doch derzeit nur Google und in sehr geringem Maße noch andere. Hinzu kommt auch noch das Google fast 80% der Websuchen ausliefert.
Es wäre schön wenn MS hier mit Yahoo zusammen die Chance hätte ein wenig gegen den Marktführer anzutreten.