CeBIT-Einwurf: “Wollt ihr den totalen Krieg?”
Zunächst muss ich wohl eine Überschrift erklären, deren Aussage kontaminiert ist aus der Zeit der menschenverachtenden, kriminellen Hitlerdiktatur. Ich nehme trotzdem mögliche Anwürfe in Kauf, weil ich mit einer sehr fragwürdigen Art der Nutzung moderner Kommunikationsmedien Bekanntschaft machen musste, die mir auf der Rückreise von der CeBIT passierte. Mir sei die clickhurerische Überschrift deshalb ausnahmsweise verziehen.
Die CeBIT war – so empfand ich es zumindest - gut gelaufen. Prima Stimmung allerorten. Rundum konnte man bei Herstellern und Messebesuchern zufriedene Gesichter sehen. Eine gelungene Veranstaltung mithin, gute Themen. Ich stieg also mit einem guten Gefühl am Freitag in Hannover-Laatzen in den ICE, um nach München heimzureisen. Wie üblich war beim ICE-Stopp wieder drangvolle Enge in den Gängen des Zugs, bis jeder Reisende seinen Platz eingenommen hatte. So weit, so üblich, so gut.
Ja wäre da nicht dieses Handy eines jungen Mannes von unter 20 Jahren gewesen, das plötzlich in diesem unverwechselbar ekelhaften Original-Ton des nazionalsozialistischen Propaganda-Reichsministers Joseph Goebbels losschnarrte: “Wollt ihr den totalen Krieg?”
Natürlich kennt jeder dieses Fragment aus der Rede, die Goebbels am 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast vor fanatischen Parteigängern der Nazi-Diktatur hielt. Mit einem letzten Aufbäumen versuchte der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda in einer irrwitzigen Tirade die ausgewählten Teilnehmer der Veranstaltung, regimetreue Parteigenossen, einzustimmen auf einen “totalen Krieg”, “wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt noch vorstellen können”.
Als ich den “Klingelton” des Handys im vollbesetzten Zug hörte, hätte ich um ein Haar meine mir anerzogene Höflichkeit verloren und meinem Gegenüber eine Ohrfeige verpasst. Gott sei Dank konnte ich mich gerade noch beherrschen. Die Frage an den Halbwüchsigen, ob er noch ganz bei Trost sei, quittierten die Fahrgäste und der Angesprochene mit Schweigen. Lediglich ein Mitreisender fauchte, ob man nicht etwas höflicher sein könne. Mein Nein provozierte allen Ernstes die Nachfrage, ob ich etwas Besseres sei? Weswegen ich glauben würde, der andere sei nicht mit Respekt zu behandeln? Mein Antwort: “Weil er ein Faschist ist!”
Nun lässt sich sicher trefflich darüber streiten, ob jemand, der als Klingelzeichen Goebbels’ “Wollt ihr denn totalen Krieg?” in sein Handy gespeichert hat, deshalb schon als Faschist bezeichnet werden kann. Um ehrlich zu sein: Mir ist das völlig egal.
Ich bin der Meinung: Es ist nicht witzig, es ist nicht cool, dass jemand den Gedankendreck eines Menschen als Anrufsignal seines Mobiltelefons nutzt, dem das Blut von Millionen Menschen an den Händen klebte. Der federführend die Pogrome der Reichskristallnacht initiierte. Der an vorderster Stelle die Bücherverbrennungen in seiner “Feuerrede” bewarb. Der Sätze in sein Tagebuch schrieb wie: “Wachmannschaften aus den Moorlagern da. Erzählen von den Gefangenen. Auswurf! Muss wegradiert werden. Wir sind noch viel zu human!” (17.12.1935) Oder: “Wir Deutschen erringen eine Goldmedaille, die Amerikaner drei, zwei davon durch Neger. Das ist eine Schande. Die weiße Menschheit müsste sich schämen.” (5.8.1936)
Goebbels, der nach Hitlers Selbstmord im Führerbunker für einen Tag dessen Nachfolger und Reichskanzler war, bevor er erst seine sechs Kinder und dann sich und seine Frau ermordete, Goebbels ist für die geistige Niedertracht und Enthemmung großer Teile des damaligen deutschen Volks als Propagandaminister und Kontrolleur sämtlicher gleichgeschalteter Medien wesentlich verantwortlich. Bezeichnend sein Tagebucheintrag vom 3.1.1930: “Lieber verroht als geistig.” Er ist in Nazi-Deutschland einer der Hauptverantwortlichen für den Völkermord, den Terror und die Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Nun findet es ein Lümmel im Jahr 2008 originell, solch einem Verbrecher in aller Öffentlichkeit via Handy eine Bühne zu geben. Was für Eltern muss der haben? Was für Geschwister (sein Bruder saß neben ihm)? Was für Freunde? Auf welcher Schule lernte der was?
Ja, ich habe mich auch über mich selbst geärgert. Zu spät nämlich fiel mir ein, dass man diesen Mitbürger hätte zur Verantwortung ziehen können, indem ich ihn angezeigt hätte. Leider kam mir diese Idee erst, als meine Wut verraucht war. Ein Beleg mehr, dass man auch in der Konfrontation mit Neo-Faschisten kühlen Kopf bewahren sollte. Mea culpa.
So jedenfalls endete eine erfreuliche CeBIT mit einer in Deutschland tatsächlich möglichen widerlichen Episode
Am 11. März 2008 um 21:58 Uhr
[…] CeBIT-Einwurf: “Wollt ihr den totalen Krieg?” Computerwoche - vor 5 Stunden gefunden Vielmehr resultiert sie aus der Erfahrung einer sehr fragwürdigen Art der Nutzung moderner Kommunikationsmedien, mit der ich auf der Rückreise von der CeBIT … […]
Am 11. März 2008 um 23:51 Uhr
Völlig richtig gehandelt!
Ich weiß, es gibt sicher schönere Augenblicke als sich wegen sowas den Zorn aller Mitreisenden zuzuziehen, aber ich denke, dass Dein Handeln zur Zivilcourage gehört und sich alle anderen lieber schämen sollten. Ich hoffe, ich schalte auch bei sowas schnell genug…
M.
Am 12. März 2008 um 09:59 Uhr
Der Schoss ist fruchtbar noch, aus dem das kroch. Deswegen ist es gut, richtig und WICHTIG, nicht zu schweigen. Selbst, wenn der Knabe nur gedankenlos war und kein Faschist. Die gesellschaftliche Übereinkunft muss sein:
“Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen.”
Am 12. März 2008 um 11:47 Uhr
Vorweg muss ich sagen… super reagiert. Leider trauen sich immer weniger Menschen offen und ehrlich für das einzustehen woran sie glauben und worauf unsere Gesellschaft gebaut ist.
Allerdings frage ich mich ob eine Anzeige wirklich mehr begracht hätte. Vielleicht beim einen oder anderen Kandidaten, aber die öffentliche Bloßstellung ist meiner Meinung nach viel effektiver. Denn bis jetzt habe ich selten jemanden gesehen, der in dieser Situation noch gut ausgehen hat.
Wirklich schockierend finde ich jedoch, dass man dich für deine Äusserungen noch kritisiert hat. Da fehlen mir irgendwie die Worte!
Am 12. März 2008 um 18:13 Uhr
Goldrichtig Deine Zivilcourage. Ich find’s ja eigentlich nur schade, dass Du dem Bengel nicht wirklich eine gelangt hast. Leider haben ICEs ja auch keine Fenster mehr. Da hätte man das Telefon gepflegt hinausbefördern können. Vielleicht wäre der Klingeltöner ja aus dem Schaden klug geworden?
Am 12. März 2008 um 21:35 Uhr
Also, erst einmal: Ich finde es absolut richtig, dass Du Dich eingemischt hast. Dass die jungen Bengel immer weniger darüber nachdenken, wie man sich verhält oder was man mit der Wahl eines solchen Klingeltons aussagt, sehe ich ja an meinem kleinen 16-jährigen Bruder. Daher stimme ich Joachim absolut zu, dass der Junge möglicherweise lediglich gedankenlos war.
Es mag daran liegen, dass da meine weibliche Seite aus mir spricht, aber ich hätte den jungen Herrn und seinen Bruder wohl eher in eine Diskussion darüber verwickelt, was er damit für ein Bild von sich hinterlässt und ihn nach seiner Intention befragt. Des Weiteren hätte ich ihm erzählt, dass eine Verharmlosung von höchst kritischen Inhalten sowie eine Egal-Einstellung gegenüber menschenverachtenden Inhalten die Basis vielen Übels auf der Welt war und ist. Und ich glaube, ich hätte ihn so lange damit zugequatscht, bis es ihm richtig peinlich gewesen wäre.
Aber generell: Ich kann Dich und alle Anderen, die Zivilcourage zeigen, nur befürworten und danke Dir, dass Du auch hier solche Inhalte veröffentlichst. So kam ich zum Beispiel eben mit meinem kleinen Bruder zu der Diskussion über eben jenen Klingelton, der mir erzählte, dass einige seiner Mitschüler ähnliche haben und diese als ‘voll cool’ gelten, eben weil sie provozieren. Die Auseinandersetzung damit hat wohl auch ihn ein wenig weitergebracht (Die Hoffnung stirbt zuletzt!).
Am 13. März 2008 um 10:44 Uhr
moin, moin, alle Antwortenden,
danke für Euer Feedback. Ich weiss, wir leben in einem Deutschland, in dem solche Menschen in der Minderzahl sind. Trotzdem: Wie Joachim richtigerweise Brechts Zitat bemüht: Sie sind noch bzw. wieder unter uns die Neofaschisten.
Zu Dir Lisa: Tja, leider fehlt mir da noch eine gewisse Hartleibigkeit, solche Menschen so “zuzuquatschen”. Dabei wäre es ein probates Mittel gewesen. Frauen können da ja manchmal tödlich konsequent sein :-) (Das war ein Kompliment und nicht falsch zu verstehen!).
Und Deinem kleinen Bruder kannst Du noch von mir ausrichten, dass es Dinge gibt, die niemals cool sein werden. Wer sich mit menschenverachtendem Gedankengut, in welcher Form immer, gemein macht, der ist genau das: niederträchtig, gemein,menschenverachtend.
Am 25. März 2008 um 11:54 Uhr
Chapeau! - Eigentlich traurig, dass die Mitreisenden so mies eingeknickt sind… was es alles als Klingelton gibt. Ich stelle mir gerade die Werbung vor… “wähle 1 für Goebbels, 2 für Stalin oder 3 für Bin Laden”. Wenn Klingeltöne das einzige sind, was unsere Jugend an Zeitgeschichte verinnerlicht, schade…
Am 16. April 2008 um 09:53 Uhr
Ach Gott! Solch ein Aufriss wegen einer Benutzung einer Wortfolge des Reichsministers Goebbels bei seiner “totalen Krieg” Rede.
Man sollte sich mal mit diesen ewigen moralisieren etwas zurückhalten. so wie solche Aussprüche benutzt werden, schon aus provokativen Gründen, so verschwinden sie auch wieder.
Alles mit “Menschenverachtung” zu unterlegen ist regelrechter Blödsinn.
Da sind ganz andere Politikrealitäten aus der Neuzeit zu bennnen.
Vor über 60 Jahren haben solche Dinge bei allen Kriegsteilnehmern keine Rolle gespielt. DerBegriff war noch nicht geboren.
Also mal etwas ruhiger angehen wäre sinnvoller.
Am 24. April 2008 um 09:45 Uhr
Auf die Gefahr hin mich unbeliebt zu machen oder einen alten Post aufzuwärmen here are my 2 cents: Ich glaube, dass hier die Wellen ziemlich hoch schlagen. Natürlich ist streitbar, ob denn solche Klingeltöne wirklich sein müssen. Allerdings halte ich es für etwas zu harsch jemanden wegen soetwas gleich als Faschisten abzustempeln und ihn in ein Lager mit irgendwelchen prüglenden, händchenhebenden Propagandaspuckern zu stecken. Wenn man damit anfägt könnte man auch gleich die Frage stellen wie sinnvoll Klingelzeichen mit Lyrics von wasWeißIchWem sind bei denen in aller lautstärke von mehr als seltsamen Sexualpraktiken berichtet wird die den Stuhlgang des “Sängers” sowie zwei Frauen betreffen. (wenn die Buslinie zu meiner Dienststelle mit mehreren Schulen zusammenfällt bleibt man da unfreuwillig auf dem Laufenden) Dennoch wäre es IMHO übegriffen ihn dann vo allen lautstark als niveauloses Ekelpaket zu betiteln. Provokation != Überzeugung: Ich hege in so weit für ihren Zugmitreisenden ein gewisses Verständnis als dass ich glaube, dass es einfach Mode geworden ist mit möglichst provokanten Mitteln aufzufallen und das geschah schon immer mit dem Anschneiden von “Tabuthemen”. So lange solche Menschen “einfach nur” ihre Klingeltöne in die Weltgeschichte hinausposaunen ernten sie von mir bestefalls eine hochgezogene Augenbraue. Für mich wäre dann doch eher wesentlich ob dieser jemand beim Verlassen des Zuges der alten Dame beim Gepäck hilft oder noch am Bahnhof beginnt Leute anzupöbeln.